Sonderausstellung „Hölle & Paradies. Der deutsche Expressionismus um 1918“

Virtuelle Führung: Vorstellung "Mutter mit Kind" von Bruno Krauskopf

Bruno Krauskopf, Mutter mit Kind, 1917/18, Privatbesitz
Bild: Bernhard Strauss

Eigentlich sollte die Kunst auf die Menschen tröstend wirken, wenigstens aber durch die Öffnung neuer Perspektiven Vergleichsmöglichkeiten zur Gegenwart bieten. Denn die ist, wie nun alle hautnah spüren, durch das Coronavirus aus den Fugen geraten. Doch wie soll das gehen, wenn alle Museen geschlossen sind? Gerade zeigt das Städtische Museum Engen + Galerie eine Sonderausstellung, die bei der Eröffnung einen enthusiastischen Anfang nahm – und kurz darauf ein jähes vorläufiges Ende fand. Es gäbe eine ganze Welt, nämlich die des deutschen Expressionismus um 1918 zu entdecken – doch zu sehen ist leider nichts.

Um diesem schmerzhaften Mangel Abhilfe zu schaffen, schlug Museumsleiter Dr. Velten Wagner vor, den verhinderten Besucher/innen der Sonderausstellung eine virtuelle Führung durch die Sonderausstellung anzubieten – Bild für Bild und Raum für Raum des ehemaligen Klosters St. Wolfgang. Gestartet wird mit dem Ölgemälde „Mutter mit Kind“ des Künstlers Bruno Krauskopf von 1917/18.
Der 1892 geborene Krauskopf war Ende des Ersten Weltkriegs gerade dabei, mit seiner Karriere voll durchzustarten. Er hatte mit 17 Jahren sein Elternhaus verlassen, hatte als Armierungssoldat die Strapazen des Krieges überlebt, sich als Maler von Theaterdekorationen über Wasser gehalten und war 1918 in den Vorstand der einflussreichen Berliner Künstlervereinigung, der „Freien Secession“ gewählt worden. Vor ihm lag eine glänzende und ausgesprochen erfolgreiche Künstlerkarriere, die erst durch die Nationalsozialisten ihr Ende fand. Krauskopf floh nach Norwegen – und gehört seitdem zur „Verschollenen Generation“, also zu jenen Künstlern, die von der Kunstgeschichte weitgehend vergessen wurden. In Engen erlebt er mit drei bedeutenden Gemälden aus seiner frühen Schaffenszeit, der Zeit um 1918 ein fulminantes Comeback.
„Mutter mit Kind“: Die bergige Landschaft im Hintergrund und der schwere Stoff mit den tiefen Gewandfalten deuten auf Grünewalds berühmte Maria aus dem Weihnachtsbild des Isenheimer Altars als Inspirationsquelle hin. In Umkehrung zu Grünewalds festlicher Geburt wirkt die Beziehung der Mutter zu ihrem Kind verhalten, wie von einer tiefen Schwermut umfangen. Die umflorten Augen und das schüttere Haar verweisen auf die Hungerjahre des Krieges, als im „Steckrübenwinter“ 1916/17 vor allem Stadtkinder an akuter Mangelernährung litten. In den langen, dürren Händen drückt sich die nervliche Erregtheit und innere Anspannung dieser Umbruchsjahre aus. Schmerz und Trauer der jungen Mutter wirken umso authentischer, als sie auch ohne Heiligenschein in das transzendente Geschehen einer urtümlichen Landschaft eingebunden ist. Der sonore Farbklang der Gewänder und die von lichtem Blau durchgeistigte Landschaft markieren die Schnittstelle von Erde und Kosmos – und erheben den individuellen Schmerz der Mutter und ihres Kindes zu einem kollektiven Trauma.
Dieses Bild markiert insofern eine Zeitenwende, als es den Übergang von der „Hölle“ des Ersten Weltkriegs hin zur Vision des „Paradieses“ einer glücklicheren Gesellschaft markiert. Es zeigt den Schmerz, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

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